Nachhaltig leben bedeutet, gegenwärtig die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen, ohne die Ressourcen der Zukunft dadurch zu gefährden. Was bei Lebensmitteln, Energie und Klima schon teilweise angekommen ist, funktioniert auch in einem Lebensbereich, wo wir es vielleicht gar nicht erwarten würden: unserer Sexualität. Wir erachten sie als intim und sehr privat, manchmal leider immer noch schambehaftet oder als schönste Nebensache der Welt. Doch „schön“ geht noch besser! Nachhaltig bedeutet, bewusste Sexualität zu praktizieren. Dabei geht es nicht so sehr darum, eine „Weniger ist mehr“-Mentalität zu entwickeln, sondern unserem Liebesleben einen höheren Stellenwert einzuräumen. Die drei Hauptakteure der sexuellen Anziehung, Herz, Körper und Kopf, werden eingeladen, sich noch enger miteinander zu vernetzen. So erhält die Erotik nicht nur einen simplen Mehrwert. Sie intensiviert sich erheblich, stärkt die gegenseitige Bindung und kann sogar ganz nebenbei ungeahnte Synergien hervorbringen, von denen Partnerschaft, Familie und das gesamte Umfeld profitieren.
Nachhaltige Lust = weniger Sex?
Klares Nein! Aber mit Einschränkung. Sexualität ist dann am besten, wenn die Bedürfnisse von beiden Partnern befriedigt werden. Damit gemeint ist jedoch nicht nur die körperliche Lust. Auch die Sehnsucht nach emotionaler Intimität, Nähe und Verbundenheit spielt hier eine Rolle. Wenn die Flammen der Leidenschaft konstant das Liebesleben befeuern, spricht absolut nichts gegen eine leidenschaftliche und lebendige, aber eben auch erfüllte Sexualität. Wer Partnerin oder Partner dabei voll und ganz genießen kann, erlebt und gestaltet zeitgleich das, was wir unter „sexueller Präsenz“ verstehen.
Bewusste Sexualität = achtsame Sexualität
Wer sich dem Thema „nachhaltige Lust“ intensiv widmen möchte, kommt am Stichwort „Achtsamkeit“ nicht vorbei. Das Verharren und vollkommene Präsent-Sein im Augenblick ist wohl nirgendwo anders im Leben kostbarer und bedeutungsvoller als beim Liebesakt. Hier tut zum einen Entschleunigung ganz gut. Genussvolle, langsame Sexualität und erotische Achtsamkeit bedingen einander. So können wir Intimität bewusster erleben und auf die Wünsche unserer Partnerin oder unseres Partners sehr viel besser eingehen. Das wiederum setzt zum anderen eine ehrliche Kommunikation über Wünsche und Fantasien voraus. Der Austausch über lustvolle Begehrlichkeiten fördert das gegenseitige Begehren.
Sexualität entschleunigen: Wie geht das?
Auch wenn es unromantisch und kontraproduktiv klingen mag. Aber die körperliche Liebe ist nichts, was von selbst oder im Vorübergehen einfach gut oder besser wird. Wir müssen diesem Aspekt unserer Beziehungen Raum geben. Raum und Zeit. Diese Tipps können helfen:
1. Erotische Dates planen
Ein achtsamer Umgang mit Lust ist nichts, das sich von allein in einer Paarbeziehung einstellen wird. So großartig und aufregend spontane, leidenschaftliche erotische Tuchfühlung auch sein mag: Sie nimmt in jeder Beziehung unweigerlich mit der Zeit ab. Deshalb ist es wichtig, der Leidenschaft einen Fixplatz im wöchentlichen Terminkalender einzuräumen. Was wie ein Widerspruch klingt, ist ein einfacher Trick, um die Lust an der Liebe am Leben zu halten. Bei Berührung schüttet unser Körper das Hormon Oxytocin aus. Es trägt zu Recht die Beinamen Bindungs- und Kuschelhormon, weil es die Nähe zu Partnerin oder Partner unbewusst verstärkt. Wer also regelmäßig darauf achtet, dass es zu Körperkontakt kommt, wird weder seiner Libido noch dem Gefühl der Zugehörigkeit und der Intimität verlustig gehen.
2. Bewusst Augenkontakt suchen
Ein Lächeln mag der kürzeste Weg zwischen zwei Menschen sein. Aber ein Blickkontakt ist fraglos der intensivste. Auch während des Liebesspiels sollten wir nicht die Augen voreinander verschließen, im Gegenteil. Sonst verpassen wir die einmalige Chance, auf allen Ebenen zur selben Zeit miteinander eine innige Verbundenheit zu spüren.
3. Atmen! Am besten gemeinsam!
Ein, zwei tiefe Atemzüge können nicht nur den Blutdruck senken und Ruhe in unser Innerstes bringen. Sie nehmen auch Druck und Stress aus jedem gemeinsamen Moment. Ein achtsamer Umgang mit Lust setzt ein vollkommenes Aufgehen im Augenblick voraus. Und das Atmen im Gleichklang schafft dafür die nötige Voraussetzung.
4. Sprich mit mir!
Intimität ohne Stress bedeutet auch, dass wir uns keine Gedanken machen sollten, während unser Körper gerade damit beschäftigt ist, sich lustvollen Gefühlen hinzugeben. Das Eine schließt das Andere leider kategorisch aus. Druck entsteht dabei nicht nur durch eine überzogene Erwartungshaltung an die eigene Leistung (Stichwort: „Performance“). Wir sollten auch nicht im Dunkeln tappen müssen, was die Wünsche unseres Gegenübers betrifft. Reden hilft – auch im Bett und während des gemeinsamen Liebesspiels. Je früher und je besser wir lernen, unsere Wünsche kundzutun, desto schneller kann Entspannung ihre wohltuende Wirkung entfalten. Wer sich mit Worten schwertut: „Show, don’t tell!“.
5. Erlaubt ist, was gefällt
Um sich wirklich und wahrhaftig fallenlassen zu können, müssen wir unsere Grenzen kennen. Klingt wie ein Widerspruch, ist es aber nicht. Kaum ein anderer Bereich verlangt so nachdrücklich nach Respekt und Würde wie das gemeinsame Ausleben und Praktizieren von Sexualität. Wer die eigenen Grenzen nicht kennt, kann nicht von Partnerin oder Partner erwarten, diese einzuhalten. Jeder Mensch hat Vorlieben und Fantasien, Wünsche und Neigungen, und nichts davon steht uns auf die Stirn geschrieben. Für Tabus und persönliche No-Gos gilt dasselbe. Auch hier hilft nur Kommunikation und schonungslose Ehrlichkeit – dem Anderen gegenüber, aber auch und vor allem gegenüber uns selbst.
6. Lust auf dich? Lust auf mich!
Ein achtsamer Umgang mit Lust bedeutet auch, uns selbst und den eigenen Körper kennen und lieben zu lernen. Klingt einfach, ist es aber mitunter ganz und gar nicht. Die Liebe zum Selbst jedoch ist auch im Hinblick auf eine gelebte, bewusste Sexualität die Voraussetzung für die Liebe zum Herzen, zur Seele und zum Körper eines anderen Menschen. Eine romantische Liebesbeziehung einzugehen ohne Selbstliebe ist so, wie jemandem aus einem leeren Glas etwas zu trinken anzubieten. Geben kann nur, wer hat. Dasselbe gilt auch für bewusste Nähe in der Beziehung.
Liebe und Sexualität: So individuell wie wir
Wer bewusste Sexualität praktizieren will, muss erkennen, dass die eigene Lust und die erotische Dynamik in jeder Beziehung absolut und zu 100 Prozent individuell sind. Bevor wir also damit beginnen können, eine tiefere Verbindung im Bett anzustreben und unsere Lust länger genießen zu lernen, müssen wir alles ausblenden, was Erziehung und Medien uns über Intimität und Erotik lehren wollen. Jedes Paar tickt hier anders, jeder Mensch ist ein Individuum. Gerade in der Gegenwart, wo das digitale Zeitalter uns mit mehr Informationen flutet, als wir jemals in der Lage sind, zu verarbeiten, ist die Gefahr von Missverständnissen und falschen Vorstellungen enorm. Wer seine Sexualität bewusst und achtsam angehen möchte, muss darüber sprechen. Hier sind die Vorlieben und Tabus ebenso gemeint wie andere Themen, die vielleicht nicht gern angeschnitten werden. Dann kann nachhaltige Lust dazu beitragen, nicht nur das Liebesleben, sondern das gesamte Zusammenleben vielfältig zu verbessern, und das nachhaltig – in jeder Beziehung.